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Der neue Chefökonom von HQ Trust rechnet nicht mit einer anhaltenden Depression. Dr. Michael Heise über die wirtschaftlichen Schäden, die das Coronavirus erzeugen wird, die Auswirkungen auf die Finanzmärkte – und gute Nachrichten.

Herr Dr. Heise, welche wirtschaftlichen Schäden wird das Coronavirus erzeugen?

Aktuell hat man den Eindruck, dass die Prognosen fast stündlich nach unten purzeln. Zum Teil gibt es recht dramatische Schätzungen. Klar ist: Es wird einen massiven Rückschlag geben. Die Stilllegung von signifikanten Teilen der Wirtschaft und einem Großteil des öffentlichen Lebens wird je nach Region im ersten oder zweiten Quartal zu einem erheblichen Produktionsverlust führen.

Ausschnitt aus dem Telefoninterview mit Dr. Michael Heise

(23.03.2020 | 19 Minuten)

Wie stark wird das die Konjunktur beeinträchtigen?

Wenn man beispielsweise für Deutschland annimmt, dass die wirtschaftliche Aktivität auf 75 Prozent des Normalniveaus sinkt und diese Situation zwei Monate lang anhält, ist das Wachstum vier Prozent niedriger als das ohne das Virus der Fall wäre. Allerdings gibt es noch viel schlechtere Prognosen als einen Rückgang auf 75 Prozent.

Was wären die Folgen einer solchen Entwicklung?

Wäre das Produktionsniveau tatsächlich in Richtung 50 Prozent unterwegs, hätte das nach drei Monaten dramatische Folgen für die Wirtschaft und brächte auch enorme Kosten für den Staat mit sich. Ich rechne aber nicht damit, dass es so schlimm kommt. Wenn die Infektionszahlen zurückgehen, wird man die eingeleiteten Maßnahmen Schritt für Schritt lockern.

Wie lange werden die Auswirkungen zu spüren sein?

Davon hängt ab, wie stark der wirtschaftliche Abschwung ausfallen wird. Alle Länder versuchen die Infektionskurve abzuflachen. In Asien können wir bereits erste Erfolge sehen. In den meisten Staaten Europas oder den USA ist das bislang nicht der Fall. Da sehen wir noch ein exponentielles Wachstum. Aber wenn die Restriktionen gelockert werden wie in Asien, erholt sich die Wirtschaft relativ schnell. Das ist ein Unterschied zur Bankenkrise, wo es Jahre gedauert hat, um diese Probleme abzuarbeiten.

Dann wird es nicht zu einer Depression kommen?

Wir haben eine besondere Form der Krise. Sie ist verursacht durch staatliche Interventionen, die notwendig sind, um die Verbreitung eines Virus zu verhindern. Daher glaube ich nicht an langfristige Stagnationsszenarien, zumal die Wirtschaftspolitik in erheblicher Weise eingreift. Sie stabilisiert die Einkommen und damit die Nachfrage, die ansonsten wegbrechen würde. Zudem werden über Unternehmen Rettungsschirme aufgespannt. Der Staat tut alles, um eine Pleitewelle bei Unternehmen und Banken zu verhindern.

Die entscheidende Frage ist also: Wann flacht die Infektionskurve ab?

Das Problem ist, dass wir eine Kurve abflachen wollen, deren Ausgangspunkt wir aufgrund der hohen Dunkelziffer an Infizierten gar nicht kennen. Das macht Prognosen schwierig. Die gute Nachricht ist aber, dass sehr viel unternommen wird. Und bekanntlich steigen Exponentialfunktionen zwar schnell an, kommen aber auch sehr schnell wieder herunter. Ich rechne damit, dass die Dynamik ab Mitte April allmählich zurückgehen wird.

Was kommt nach dem Einbruch?

Die Erholung wird nicht einheitlich ausfallen. Für einzelne Länder wird die Verlaufsform einem „V“ ähneln, wenn man unterstellt, dass die Ausgangssperren nicht über Monate anhalten: Dann wird die Nachfrage stark positiv sein. Allerdings stehen einige Staaten erst am Beginn der Kurve. Für andere Länder, die länger brauchen, um die Infektionen unter Kontrolle zu bekommen, wird es vermutlich auf ein „U“ hinauslaufen. Hier wird der Erholungsprozess auch recht stark ausfallen und durch die Geld- und die Finanzpolitik erheblich unterstützt werden. Aber er kommt etwas später. Mit einem „L“, bei dem es nicht zu einer Erholung kommt, rechne ich nicht. Dazu käme es nur, wenn die Wirtschaftspolitik nichts unternimmt, was ganz und gar nicht der Fall ist.

Rechnen Sie damit, dass die Inflation spürbar ansteigt?

Das ist ein spannendes Thema. Vorübergehend dürften wir eine höhere Inflation sehen, aufgrund der Maßnahmen in dieser Krise: Auf der einen Seite ist das Angebot reduziert, da Produktionsketten nicht mehr wie üblich laufen. Schließlich gehen viele Menschen nicht wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Stattdessen wird die Nachfrage durch staatliche Maßnahmen auf hohem Niveau gehalten. Längerfristig sehe ich aber keine Inflationsdynamik. Ich erwarte, dass die Programme auch wieder zu Sparbemühungen führen werden.

Was bedeutet die aktuelle Situation für die Finanzmärkte?

Die Märkte warten auf das Abflachen der Kurve. Das ist entscheidend für die Stimmung und die Perspektiven. Die bloße Ankündigung von großen Stützungsprogrammen konnte die Märkte nicht positiv beeinflussen. Dazu ist die Unsicherheit mit Blick auf die Pandemie zu groß.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in den kommenden Tagen und Wochen?

Vermutlich ergibt sich eine Situation, in der es zu einem Wechsel aus Angst und Hoffnung kommt – es geht nach unten, wenn hohe Infektionszahlen veröffentlicht werden, und es geht nach oben, etwa, wenn neue Medikamente angekündigt werden. Wenn die Märkte Hoffnung schöpfen, dass der Höhepunkt der Infektionen weltweit überwunden ist, kann es mit viel Kraft nach oben gehen. Aber derzeit ist eine Prognose darüber, wann das der Fall sein wird, nicht seriös möglich.

Dann sollten Anleger besser noch abwarten?

Natürlich bieten solche Umbrüche auch Chancen für langfristige Anleger. Derzeit würde ich in der Tat aber noch abwarten bis die Maßnahmen greifen, oder es zumindest erste, belegbare Ansätze gibt. Dann können langfristig orientierte Anleger zugreifen. Für taktische Spekulationen ist die Situation noch nicht klar genug. Wenn die Aktienmärkte die Angst verlieren, dürften sie auch wieder spürbar steigen.

Das sind gute Nachrichten für langfristige Anleger.

Es gibt noch andere gute Nachrichten – und nicht nur für Anleger: Die Kooperationsbereitschaft der Länder dürfte zukünftig höher sein. Europa zeigt sich solidarisch und hilft Ländern wie Italien oder Griechenland, schließlich sitzen wir alle in einem Boot. Das Miteinander dürfte also positiver werden. Und Donald Trump hat eine Vorliebe für sozialpolitische Maßnahmen entwickelt. In den USA entstehen Ansätze eines sozialen Netzes. Auch das finde ich sehr erfreulich.

Zu HQ Trust

HQ Trust ist das Multi Family Office der Familie Harald Quandt. Wir kümmern uns um das Vermögen von Privatpersonen, Familien, Stiftungen und institutionellen Anlegern. Unser Team bietet Dienstleistungen in den Bereichen Family Office, Private Vermögensverwaltung, Alternative Investments und Beratungsdienstleistungen für institutionelle Anleger.

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Dr. Michael Heise
Chefökonom
HQ Trust
Dr. Michael Heise ist Chefökonom von HQ Trust. Er zählt zu den bekanntesten Volkswirten des deutschsprachigen Raumes. Vor seinem Start bei HQ Trust war er Leiter des Group Centers Economic Research der Allianz SE sowie Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dr. Michael Heise lehrt als Honorarprofessor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main insbesondere zur Geld- und Währungspolitik. Er ist Mitglied in diversen hochrangigen Ausschüssen sowie Gremien und des Planungsstabes des House of Finance.