Viele Investoren achten bei Aktienanlagen eher auf kurzfristige Kurstreiber wie vermeintlich wichtige Börsennews, schwankende Rohstoffpreise oder unerwartete Veränderungen volkswirtschaftlicher Indikatoren. Zwei deutlich weniger beachtete Risiken können dagegen zu einer nachhaltigen Erosion des Kapitalstocks führen. Worauf Anleger achten sollen.

19.55 Uhr, im Fernsehen läuft die „Börse vor acht“. Die Moderatorin berichtet über Aktuelles vom Frankfurter Parkett. Es geht um ein Plus bei den US-Jobs und einen Wirbelsturm. Was waren die Tops und Flops des Tages, wo steht der DAX? Auf dem eingeblendeten Chart sehen rund zwei Millionen Zuschauer seine Schwankungen, zum Handelsende hat der deutsche Leitindex ein Prozent eingebüßt.

Warum interessieren sich Medien und Anleger so stark für kurzfristige Marktschwankungen? Denn während Erträge auf kurze Sicht naturgemäß sehr unterschiedlich ausfallen können, schwanken die Durchschnittserträge bei einer langfristigen Anlage deutlich weniger. Temporäre Kursrückgänge und Phasen deutlicher Anstiege gleichen sich also mehr und mehr aus.

Ein Grund für die häufigen Blicke auf die kurzfristigen Schwankungen an den Märkten ist, dass viele private Anleger vermeintlich wichtigen Börsennachrichten einen zu hohen Stellenwert einräumen und eine stärkere Volatilität ihrer Anlagen nicht aushalten – oft mit negativen Folgen für ihr Portfolio. Nach deutlichen Kursrückgängen stoßen sie ihre Aktien ab und realisieren Verluste. Andere sind zum falschen Zeitpunkt gezwungen, ihre Titel zu verkaufen, um beispielsweise Kosten, Entnahmen oder ähnliches zu bedienen.

Doch es sind nicht nur die Privaten: Bei institutionellen Anlegern sind immer wieder Risikobudgets ausgeschöpft, sodass auch sie zyklisch aus dem Markt gehen. Sie steigen dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder ein, „wenn sich die Märkte beruhigt haben“. Doch solch eine Strategie kann kostspielig sein und gerade am Ende von Korrekturphasen mit Blick auf die Wertentwicklung deutliche Einschlaglöcher hinterlassen.

Ein genauer Blick auf Verlustaversion und Liquidität lohnt

Beim Start eines neuen Mandats sowie in den nachfolgenden regelmäßigen Gesprächen sollten Anleger daher zusammen mit ihrem Vermögensverwalter erarbeiten, welche zwischenzeitlichen Kursrückgänge sie wirklich ertragen können. Einem Investor ein Aktienportfolio zu verkaufen, dessen vorhersehbare Schwankungen dieser nicht aushält, führt zu Enttäuschung auf beiden Seiten: Der Investor verkauft zu Tiefstständen, der Berater kann seine gut konzipierte Strategie nicht umsetzen und hat einen unzufriedenen Kunden, den er zu verlieren droht.

Genauso wichtig wie die Risikotragfähigkeit ist der Punkt Liquidität: Geplanten (und ungeplanten) Entnahmen muss rechtzeitig Rechnung getragen werden. Die Allokation sollte so gestaltet sein, dass auch am Ende längerer Krisen ausreichend Liquidität zur Verfügung.

Risiken, die zur Erosion des Kapitalstocks führen können

Aus unserer Sicht sind die großen Risiken der langfristigen Kapitalanlage:

1) die Vereinbarung eines unpassenden Anlageziels und
2) die Verfehlung eines passend formulierten Anlageziels.

Ein Beispiel für ein unpassendes Anlageziel kann die Vereinbarung eines zu ambitionierten Ertragsziels sein – mit einer hohen Aktienquote für einen kurzfristig orientierten Anleger, der sein Geld nur parken möchte. Er trägt das Risiko größerer Verluste, falls es im betreffenden Zeitraum zu einer Marktkorrektur kommt. Ähnlich problematisch kann jedoch die Vereinbarung eines zu niedrigen langfristigen Ertragsziels bei einem Anleger mit vorhersehbar hohen Entnahmen sein, was dann zu sukzessivem Verzehr des Kapitalstocks führen kann.

Das bedeutet: Das Anlageziel muss zum Anleger und dessen Bedürfnissen passen. Sollen fortlaufend Entnahmen finanziert und der Kapitalstock dennoch real erhalten werden, muss ein passender Mindestertrag angestrebt werden. Ist der Investor risikoavers, sollte ein Anlageziel mit einer hohen Aktienquote oder anderen schwankungsreichen Anlagen vermieden werden, da sonst signifikante Verlustrealisierungen im Falle von Krisen drohen.

Soll Vermögen nur für kurze Zeit geparkt werden, sollte das Schwankungsrisiko des Portfolios gering gehalten werden, da sonst unter Umständen Papiere mit deutlichen Verlusten veräußert werden müssen. Ergeben sich widersprechende Anlageziele, sollten diese mit dem Investor geklärt werden, um ebenso das Risiko von Verlustrealisierung oder sukzessivem Kapitalstockverzehr zu minimiere.

Wichtig sind konsistente, wohlfundierte Ertragsprojektionen

Wo liegen die größten Risiken auf Ebene der Anlageklassen? Neben den Schwankungsrisiken, welche sich vor allem als Verlustrealisierungsrisiken und Liquiditätsrisiken manifestieren, sind es die Fehleinschätzung des zukünftigen Potentials von Anlageklassen sowie Selektionsrisiken. Zu letzteren gehört das Risiko, auf falsche Aktien gesetzt zu haben, in eine Anleihe mit erhöhtem Ausfallrisiko investiert zu haben oder beispielsweise in eine Immobilie, die standort- oder zyklusbedingt nachhaltig an Wert verliert. Diese Risiken sind sehr wichtig und werden von den jeweils beauftragten Managern sowie durch breite Streuung über viele Investments adressiert.

Die Einschätzung des zukünftigen Potentials von Anlageklassen gehört zu den wichtigsten Aufgaben der langfristigen Vermögensplanung. Hierzu erstellen wir konsistente, wohlfundierte Ertragsprojektionen auf Basis von Einflussfaktoren wie Inflations-, Zins- oder Gewinnentwicklung, ergänzt um aktuelle Bewertungen sowie deren Einfluss auf zukünftige Ertragserwartungen. Hierin fließt unsere Einschätzung zu langfristigen Marktentwicklungen und grundlegenden Mechanismen wie den Effekten von Globalisierung und Automatisierung oder dem Zentralbankverhalten im Umfeld hoher Staatsschulden ein.

Zentral ist hierbei, die relative Attraktivität der Anlageklassen zueinander möglich sachgerecht einzuschätzen. Denn die daraus resultierende Allokationsempfehlung entscheidet über den nachfolgenden Investmenterfolg.

Ungeachtet eines vernünftigen Ansatzes ist jedoch klar, dass Projektionen für einzelne Anlageklassen fast nie exakt so eintreten und sich diese auf kürzere Sicht sehr unterschiedlich entwickeln können. Wir investieren daher möglichst breit gestreut über viele, teils nur gering korrelierte Anlageklassen. Dabei eröffnet uns dieser Ansatz zusätzliche Ertragsmöglichkeiten und eine grundsätzliche Diversifikation in Anlageklassen mit unterschiedlichen Rollen im Portfolio wie Ertragsbringer, Liquiditätsgeber oder Volatilitätssenken – passgenau für den Anleger.

Die wahren Risiken der Kapitalanlage

Auch wenn häufig kurzfristige Marktschwankungen im Fokus stehen, wenn über Kapitalmarktrisiken gesprochen wird, liegen die wahren Risiken eines langfristigen Kapitalanlegers woanders: in der Wahl eines unpassenden Anlageziels mit dem Risiko nachfolgender Kapitalstockerosion sowie der Wahl falscher Anlageklassen bezogen auf den Anlagehorizont und die Risikoaversion mit dem Risiko nachfolgender Verlustrealisierung bei Marktkorrekturen oder durch Liquiditätsengpässe.

Durch konsequente, gemeinsame Erarbeitung eines realistischen Anlageziels unter Berücksichtigung von Aspekten wie Anlagehorizont, Risikoaversion, Liquiditätserfordernissen sowie regulatorischen Beschränkungen minimieren wir diese Risiken. Der Einsatz eines breiten Spektrums unterschiedlichster Anlageklassen erlaubt uns dabei, diese Aspekte durch gezielte Allokation passender Anlageklassen zu adressieren und Effekte durch Fehleinschätzungen zukünftiger Entwicklungen zu begrenzen. Die Analyse abweichender Kapitalmarktszenarien ermöglicht es uns abschließend, auch Auswirkungen grundsätzlicher Fehleinschätzungen zu quantifizieren und die Allokation insgesamt optimal aufzustellen.

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Thomas Neukirch
Leiter Strategische Vermögensplanung
HQ Trust
Inhalt
Viele Investoren achten bei Aktienanlagen eher auf kurzfristige Kurstreiber wie vermeintlich wichtige Börsennews, schwankende Rohstoffpreise oder unerwartete Veränderungen volkswirtschaftlicher Indikatoren. Zwei deutlich weniger beachtete Risiken können dagegen zu einer nachhaltigen Erosion des Kapitalstocks führen. Worauf Anleger achten sollen.